Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Max Habicht
         1001 Nacht

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9. Nacht

"Meine liebe Schwester," rief Dinarsade in der folgenden Nacht zur gewöhnlichen Stunde, "ich bitte dich die Geschichte des Fischers zu vollenden; ich sterbe vor Begierde sie zu hören." - "Ich will deine Neugier befriedigen," antwortete die Sultanin. Zu gleicher Zeit bat sie den Sultan um Erlaubnis; und nachdem sie dieselbe erhalten hatte, nahm sie die Geschichte vom Fischer folgendermaßen wieder auf:

"Herr, als der Fischer, verdrießlich über einen so schnöden Fang, sein Netz wieder ausgebessert, welches das Eselsgerippe an mehreren Stellen zerrissen hatte, so warf er es zum zweiten Mal aus. Indem er es herauszog, spürte er abermals starken Widerstand, weshalb er glaubte, dass es voll Fische wäre; aber er fand darin nichts als einen großen Korb voll Sand und Schlamm.

Er geriet darüber in große Betrübnis. "O Schicksal," rief er mit kläglicher Stimme aus, "höre auf, gegen mich zu zürnen, und verfolge nicht einen Unglücklichen, welcher dich bittet, sein Leben zu schonen! Ich bin von Hause gegangen, um hier meinen Unterhalt zu suchen, und du drohest mir den Tod. Ich habe kein anderes Gewerbe, als dieses, um mich zu ernähren, und trotz aller Sorgfalt, welche ich darauf verwende, kann ich meiner Familie kaum die dringendsten Bedürfnisse verschaffen. Aber ich habe Unrecht, mich über dich zu beklagen: Du findest Vergnügen daran, die ehrlichen Leute zu misshandeln und die großen Männer in der Dunkelheit zu lassen, während du die Bösen begünstigst und diejenigen erhebst, die sich durch keine Tugend empfehlen."

Indem er in diese Klagen ausbrach, schleuderte er ungestüm den Korb weg; und nachdem er sein Netz wieder rein gewaschen von dem Kot, welcher es verunreinigt hatte, warf er es zum dritten Mal aus. Aber er zog nichts als Steine, Muscheln und Unrat heraus.

Es ist nicht auszusprechen, wie groß seine Verzweiflung war: Es fehlte nicht viel, dass er im Übermaß seines Unglücks den Verstand verlor. Hierauf, seiner Frau und seiner Kinder gedenkend, sprach er folgende Verse aus:

"Dein Unterhalt hängt weder von deiner Nachlässigkeit, noch von deinem Eifer ab; und es ist weder deine Geschicklichkeit, noch sind es deine schönen Schriftzüge, welche dich glücklich machen.

Das glückliche Loos und der Unterhalt sind nur Gaben des Schicksals, und du musst damit zufrieden sein, es sei dir günstig oder widrig.

Es erniedrigt die Höchsten und Trefflichsten, und erhöht oft die Niedrigsten und Bösesten, welche das schlechteste Los verdient hätten.

Komm also, o Tod! Denn das Leben ist mir verächtlich geworden, weil in demselben Menschen mit Adler-Tugenden erniedrigt, und Leute mit Enten-Fähigkeiten erhöht werden.

Denn es ist kein Wunder mehr, zu sehen, dass die Tugend mit Armut kämpft, und das Laster mit dem ihm zugefallenen Glücke sich brüstet.

Unser Loos ist vorherbestimmt, und mit unsern dort oben vorgezeichneten Schicksalen gleichen wir Vögeln, welche hie und da etwas aufzupicken finden: Der eine fliegt von Osten nach Westen, und findet nichts; während der andere die beste Nahrung findet, ohne sich zu entfernen."

Unterdessen brach der Tag an, und der Fischer vergaß nicht, als guter Muselmann, sein Gebet zu verrichten; darauf fügte er Folgendes hinzu: "Herr, du weißt, dass ich nur viermal jeden Tag mein Netz auswerfe. Ich habe es nun schon dreimal ausgeworfen, ohne die geringste Frucht meiner Arbeit gewonnen zu haben. Es ist mir nur noch ein Zug übrig: und ich flehe dich an, mir das Meer günstig zu machen, wie du es dem Moses1) getan hast!"

Nachdem er dieses Gebet geendigt hatte, warf er sein Netz zum vierten Mal aus. Als er glaubte, dass Fische darin sein müssten, zog er es abermals mit großer Mühe heraus. Es waren gleichwohl keine darin; aber er fand darin ein Gefäß aus Messing, welches seiner Schwere nach ihm etwas zu enthalten schien. Er bemerkte, dass es mit Blei verschlossen und versiegelt war, und sah den Abdruck eines Petschafts darauf. Dies erfreute ihn. "Ich will es an den Gelbgießer verkaufen," sagte er, "und für das Geld, das ich daraus löse, ein Maß Getreide kaufen."

Er untersuchte das Gefäß von allen Seiten, schüttelte es, um zu hören, ob das, was darinnen wäre, kein Geräusch machte. Er hörte nichts; und dieser Umstand, samt dem Siegel auf dem Deckel von Blei, brachten ihn auf den Gedanken, dass es mit etwas Kostbarem angefüllt sein müsste. Um sich darüber aufzuklären, nahm er sein Messer, und mit einiger Mühe öffnete er es. Er kehrte sogleich die Öffnung gegen den Boden, aber es kam nichts heraus; was ihn äußerst verwunderte.

Er setzte das Gefäß vor sich hin; und während er es aufmerksam betrachtete, stieg ein dichter Rauch daraus empor, welcher ihn nötigte, zwei oder drei Schritte zurückzutreten. Dieser Rauch erhob sich bis in die Wolken, breitete sich über das Meer und Gestade aus, und bildete einen dicken Nebel: welches Schauspiel, wie man sich vorstellen kann, dem Fischer ein außerordentliches Erstaunen erregte. Als aller Rauch aus dem Gefäße war, vereinigte er sich wieder und verdichtete sich zu einem festen Körper, und daraus bildete sich ein Geist, der noch einmal so groß war als der größte aller Riesen. Bei dem Anblick eines Ungetüms von so ungeheuerer Größte wollte der Fischer die Flucht ergreifen; aber er war so erschüttert und erschrocken, dass er keinen Fuß rühren konnte.

"Salomon2)," rief alsbald der Geist aus, "Salomon, großer Prophet Gottes, Gnade, Gnade! Nimmer will ich mich deinem Willen widersetzten. Ich will allen deinen Befehlen gehorchen ..."

Scheherasade bemerkte hier den Tag, und brach ihre Erzählung ab.

Dinarsade nahm darauf das Wort: "Meine Schwester," sagte sie, "man kann nicht besser sein Versprechen halten, als du es getan hast: Dieses Märchen ist ohne Zweifel viel wunderbarer, als die vorigen." - "Meine Schwester," antwortete die Sultanin, "du wirst Dinge hören, die dich noch weit mehr in Verwunderung setzen werden, wenn der Sultan, mein Herr, mir erlaubt, sie dir zu erzählen."

Schachriar hatte zu große Begierde, das Übrige der Geschichte vom Fischer zu hören, um sich dieses Vergnügens zu berauben. Er verschob also den Tod der Sultanin abermals auf morgen.

Ü   Þ


1) Die Mohammedaner nehmen 184.000 Propheten an. Die vornehmsten sind: Moses, David, Jesus Christus und Mohammed. Diese sind die vier großen Propheten und Gesetzgeber. ­
2) Salomon ist bei den Orientalen noch berühmter als bei den Christen, und man kann in den zu seinem Lobe verfassten Werken (den Suleiman-Nameh von Ferdusi, Uskobi und Sâad-eddin ben Hassan), eine Menge wunderbarer Taten lesen, die ihm angedichtet sind. Nach diesen Dichtungen war Salomon Herr der Erde, und man könnte auch sagen, der Luft, weil ihm der Wind zu Gebote stand, um ihn überall hin zu tragen, wo er hin wollte, und weil seine Herrschaft sich bis auf die Vögel erstreckte, deren Sprache er verstand, und die unaufhörlich seinen Thron umkreisten. Der Koran spricht oft von diesem Fürsten; Sure 27: "Wir haben (so spricht Gott) dem David und Salomon die Wissenschaft verliehen. Salomon ist der Erbe Davids, und er hat zu den Menschen gesagt: "Ich habe die Sprache der Vögel gelernt, und alle Dinge sind mir gegeben; und Heerscharen von Geistern, Menschen und Vögeln, haben sich um den Propheten versammelt, der sie hinwegführt." ff. Koran, die Sure von den Geistern, Vers 72.
Die Orientalen haben den Namen Salomon auch mehreren Geisterfürsten gegeben. Salomon herrschte die Engel und Dämonen. Er sprach mit den Tieren, Pflanzen und Steinen, und gebot ihnen. Er vernahm von diesen ihre Eigenschaften, und sprach mit den Vögeln, deren er sich bediente, die Königin von Saba zu Besuch bei ihm zu bewegen. Alle diese Fabeln des Korans stammen aus den Kommentarien der Juden.
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