Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Max Habicht
         1001 Nacht

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7. Nacht

Gegen das Ende der siebenten Nacht bat Dinarsade die Sultanin, die Geschichte weiter zu erzählen, welche sie gestern nicht hatte vollenden können.

"Ich will es gern tun," antwortete Scheherasade; "und um den Faden derselben wieder aufzunehmen, sage ich euch, dass der Greis mit den beiden schwarzen Hunden fort fuhr, dem Geiste, so wie den beiden anderen Greisen und dem Kaufmanne, seine Geschichte zu erzählen."

"Endlich," sagte er zu ihnen, "nach einer Schifffahrt von zwei Monaten, gelangten wir glücklich in einen Seehafen, wo wir ausschifften, und einen starken Absatz unserer Waren machten. Vor allen ich, ich verkaufte die meinen so gut, dass ich Zehn für Eins gewann. Wir kauften dagegen Waren des Landes, um sie nach dem unsrigen zu verschiffen und dort zu verkaufen.

Als wir schon bereit waren, uns zur Heimfahrt einzuschiffen, begegnete ich am Ufer des Meeres einer Frau, die recht wohl gebildet, aber sehr armselig gekleidet war. Sie kam auf mich zu, küsste mir die Hand, und bat mit den dringendsten Worten, sie zur Frau zu nehmen und mit mir einzuschiffen. Ich machte Schwierigkeiten, ihr diese Bitte zu gewähren; aber sie sagte mir so viel vor, um mich zu überreden, ich möchte nicht auf ihre Armut sehen, und ich würde Ursache haben, mit ihrer Aufführung zufrieden zu sein, dass ich endlich besiegt wurde. Ich ließ ihr anständige Kleider machen; und nachdem ich sie durch einen Ehevertrag in aller Form geheiratet hatte, schiffte sie mit mir ein, und wir gingen unter Segel1).

Während unserer Seefahrt entdeckte ich in meiner Neuvermählten so viele schöne Eigenschaften, dass ich sie täglich mehr und mehr liebte. Meine Brüder indessen, welche nicht so gute Geschäfte gemacht hatten, als ich, und neidisch über mein Glück waren, trugen mir Hass. Ihre Wut ging sogar so weit, einen Anschlag gegen mein Leben zu machen. In einer Nacht, während ich mit meiner Frau ruhig schief, nahmen sie uns, und warfen uns ins Meer.

Meine Frau war eine Fee, und folglich aus dem Geistergeschlecht; ihr könnt also wohl denken, dass sie nicht ertrank. Was mich betrifft, so wäre ich ohne ihre Hülfe gewiss umgekommen; ich war aber kaum ins Wasser gefallen, als sie mich aufhob und mich auf eine Insel brachte.

Als es Tag wurde, sagte die Fee zu mir: "Du siehst, mein lieber Mann, dass ich, indem ich dir das Leben gerettet, dir die Güte, welche du mir bewiesen hast, nicht übel vergolten habe. Du sollst wissen, dass ich Fee bin, und dass ich, als ich dich am Ufer des Meeres bei deiner Einschiffung sah, eine starke Neigung für dich fühlte. Ich wollte die Güte deines Herzens prüfen, und stellte mich dir so verkleidet dar, wie du mich gesehen hast. Du hast dich großmütig gegen mich betragen; und ich bin erfreut, eine Gelegenheit gefunden zu haben, dir meine Erkenntlichkeit dafür zu beweisen. Aber ich bin erzürnt auf deine Brüder, und ich werde nicht zufrieden sein, als bis ich sie am Leben gestraft habe."

Mit Verwunderung hörte ich diese Rede der Fee an; ich dankte ihr von ganzem Herzen für die große Wohltat, welche sie mir erwiesen hatte: "Aber Herrin," sagte ich zu ihr, "was meine Brüder betrifft, so bitte ich euch, ihnen zu verzeihen. Wie sehr ich auch Ursache habe, mich über sie zu beklagen, so bin ich doch nicht grausam genug, um ihr Verderben zu wollen." Ich erzählte ihr darauf, was ich für den einen, wie für den andern getan hatte; und mein Bericht vermehrte noch ihren Unwillen gegen sie. "Ich muss," rief sie aus, "auf der Stelle diesen undankbaren Verrätern nachfliegen, und schleunige Rache an ihnen nehmen. Ich will ihr Schiff versenken und sie in den Grund des Meeres stürzen." - "Nein, Herrin," erwiderte ich, "im Namen Gottes, tut das nicht, sondern mäßigt Euren Zorn; bedenkt, dass es meine Brüder sind, und dass man Böses mit Gutem vergelten soll."

Ich besänftigte die Fee durch diese Worte; und nachdem ich also gesprochen hatte, versetzte sie mich, in einem Augenblick, von der Insel, wo wir waren, auf das flache Dach meines Hauses, und gleich darauf verschwand sie. Ich stieg hinunter, öffnete die Türen, und grub die drei tausend Zeckinen aus, welche ich vergraben hatte. Darauf ging ich nach dem Orte, wo mein Laden stand; ich öffnete ihn, und empfing von den Kaufleuten, meinen Nachbarn, die Glückwünsche über meine Heimkehr.

Als ich wieder nach Hause kam, fand ich diese beiden schwarzen Hunde, welche mir demütig entgegen kamen. Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hätte, und war sehr verwundert darüber; aber die Fee, welche alsbald erschien, erklärte es mir. "Mein Gemahl," sagte sie zu mir, "verwundere dich nicht, diese zwei Hunde bei dir zu sehen; es sind deine beiden Brüder." Ich entsetzte mich bei diesen Worten, und fragte sie, durch wessen Macht sie sich in diesem Zustande befänden. "Ich bin es," antwortete sie mir, "die sie darein versetzt hat; oder wenigstens ist eine von meinen Schwestern, der ich den Auftrag dazu gegeben habe, und welche zu gleicher Zeit ihr Schiff auf den Grund gestürzt hat. Du verlierst dabei die Waren, welche du darauf hattest, aber ich will dich hinlänglich dafür entschädigen. Was deine Brüder angeht, so habe ich sie verdammt, zehn Jahre lang in dieser Gestalt zu bleiben: Ihre Treulosigkeit macht sie dieser Strafe nur zu würdig." Endlich, nachdem sie mich unterrichtet hatte, wo ich ferner von ihr vernehmen könnte, verschwand sie.

Gegenwärtig, da die zehn Jahre voll sind, bin ich auf dem Wege, sie zu suchen, und da ich im Vorbeigehen diesen Kaufmann und den guten Greis mit der Hinde hier antraf, verweilte ich bei ihnen. Da hast du nun meine Geschichte, o Fürst der Geister; scheint sie Dir nicht eine der außerordentlichsten?"

"Ich gebe es zu," antwortete der Geist, "und ich erlasse deshalb auch das zweite Drittheil des Verbrechens, dessen der Kaufmann sich gegen mich schuldig gemacht hat."

Sobald der zweite Greis seine Geschichte beendigt hatte, nahm der dritte das Wort, und tat dem Geiste dieselbe Bitte, wie die beiden vorigen, das heißt, dem Kaufmann auch das dritte Drittheil seiner Schuld zu erlassen, vorausgesetzt, dass die Geschichte, welche er ihm erzählen wollte, an seltsamen Begebenheiten die beiden noch überträfe, welche er so eben gehört hatte. Der Geist gab ihm dasselbe Versprechen, wie den beiden andern. "Höret also," sprach darauf dieser Greis ...

"Aber der Tag bricht an," sagte Scheherasade, "und ich muss hier inne halten." "Meine Schwester," sprach darauf Dinarsade, "ich kann mich nicht genug verwundern über die Abenteuer, die du uns da erzählt hast." - "Ich weiß noch unzählige andere," antwortete die Sultanin, "welche noch viel schöner sind."

Schachriar, neugierig, ob die Erzählung des dritten Greises auch so angenehm wäre, als die des zweiten, verschob den Tod der Scheherasade bis morgen.

Ü   Þ


1) Die Leichtigkeit, womit ein Mohammedaner die Ehe auflösen kann, macht dieses Abenteuer weniger unwahrscheinlich. Folgende sind die Vorschriften hierüber in den Satzungen des Islam:
Ein Mann kann vier Frauen heiraten, und sie nach Gefallen verstoßen.
Die Ehe ist verboten zwischen allen Verwandten in gerader Linie. Auch darf man keine Ehe eingehen mit den Verwandten einer Frau, deren Milch man gesogen, mit welcher man sich auch nur eine unanständige Handlung erlaubt hat.
Sie ist ferner verboten, mit einer Sklavin, einer fremden oder verstoßenen Frau, die schwanger ist, und nicht die bestimmte Zeit ihrer Absonderung erfüllt hat.
Der Ehemann soll alle seine Frauen mit gleicher Achtung behandeln. Wenn er ausreist, steht es ihm frei, diejenige mitzunehmen, die er vorzieht, doch wird er besser tun, das Los entscheiden zu lassen.
Wer sich mit einer Witwe verheiratet, soll drei Nächte hintereinander sein Bett mit ihr teilen, einer Jungfrau gebühren dagegen sieben Nächte.
Die Frau ist dem Mann vollkommen Gehorsam schuldig. Sie darf ohne seine Erlaubnis nicht ausgehen, und er hat das Recht, ihr ihren Aufenthalt anzuweisen, es sei denn, dass er ihr das Gegenteil vor der Heirat versprochen habe.
Er kann ihr verbieten, von ihren Verwandten, und selbst von ihren nächsten weiblichen Verwandten, Besuch anzunehmen.
Da der Zweck der Ehe die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist, so wird der Mann strafbar, der ihn zu vereiteln sucht.
Ein einziges Wort des Mannes reicht hin, die Verstoßung zu bewirken. Sobald dieses Wort ausgesprochen ist, dürfen die Ehegatten nicht mehr beieinander wohnen.
Die Frau muss drei Monate abgesondert leben, und während dieser Zeit steht es dem Mann frei, die Frau wieder zu nehmen, selbst ohne ihre Einwilligung. Er darf ihr indessen während dieser Zeit nicht beiwohnen, und wenn er es versucht, so hat die Frau das Recht, ihn zu töten oder zu vergiften.
Sobald die Zeit der Verstoßung erfüllt ist, kann der Mann seine Frau wiedernehmen. Es wird dann aber ein neuer Ehevertrag erfordert. Er kann sie ebenso nach einer zweiten Verstoßung wiedernehmen. Aber nach einer dritten Verstoßung ist es verboten, sie wieder zu heiraten, bevor sie nicht mit einem andern Mann verheiratet gewesen ist. Dieser Zwischenmann heißt Hulla, nämlich Auflöser des Verbotes, von halla, auflösen.
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