Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

               1.
           
   2.
           
   3.
           
   4.
               5.
           
   6.
           
   7.
           
   8.
               9.
           
   ...

            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

1. Nacht

Der Kaufmann und der Geist

"Herr, es war einmal ein Kaufmann, der große Reichtümer besaß, sowohl an liegenden Gründen, als an Waren und barem Gelde. Er hatte viele Handelsdiener, Faktoren und Sklaven. Indem er von Zeit zu Zeit Reisen machen musste, um sich mit seinen Handelsfreunden zu besprechen, so rief eines Tages eine wichtige Angelegenheit ihn ziemlich weit weg von seinem Wohnorte. Er bestieg ein Pferd, und ritt dahin, mit einem Felleisen hinter sich, in welchem er einen kleinen Vorrat Zwieback und Datteln hatte, weil er durch ein wüstes Land reisen musste, wo er nichts zu leben gefunden hätte. Er kam ohne Unfall an, und nachdem er das Geschäft beendigt, welches ihn dahin gerufen hatte, stieg er wieder zu Pferde, um heimzukehren.

Am vierten Tag seiner Reise fühlte er sich dergestalt von der Sonnenglut und dem durch ihre Strahlen erhitzten Boden angegriffen, dass er von seinem Wege ablenkte, um sich unter einigen Bäumen zu erfrischen, welche er auf dem Felde bemerkte. Hier fand er, am Fuß eines großen Nussbaumes, einen Springquell von sehr klarem Wasser. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Baumast, und setzte sich an der Quelle nieder, nachdem er aus seinem Felleisen einige Datteln und Zwieback genommen hatte. Indem er nun die Datteln aß, warf er die Schalen zur Rechten und zur Linken hin. Nachdem er sein einfaches Mahl verzehrt hatte, wusch er, als guter Muselmann, sich die Hände, das Gesicht und die Füße, und sprach sein Gebet1).

Er hatte dieses noch nicht vollendet, und lag noch auf den Knien, da erschien ihm ein Geist, ganz weiß, von hohem Alter, und von ungeheurer Größe, welcher mit einem Säbel in der Hand auf ihn losging, und mit schrecklicher Stimme sprach: "Steh auf, damit ich Dich mit diesem Säbel töte, wie Du meinen Sohn getötet hast." Er begleitete diese Worte mit einem entsetzlichen Geschrei.

Der Kaufmann, eben so erschrocken über die scheußliche Gestalt des Ungeheuers, als über die Worte, welche er zu ihm sprach, antwortete ihm zitternd: "O weh! Mein lieber Herr, welches Verbrechens kann ich mich gegen euch schuldig gemacht haben, um den Tod von euch zu verdienen?" - "Ich will dich töten," wiederholte der Geist, "wie du meinen Sohn getötet hast." - "Ach, guter Gott," erwiderte der Kaufmann, "wie könnte ich euren Sohn getötet haben? ich kenne ihn ja nicht und habe ihn nimmer gesehen." "Hast Du dich nicht niedergesetzt, als du hierher kamst?" antwortete der Geist; "hast du nicht Datteln aus deinem Felleisen genommen, und indem du sie aßest, hast du nicht die Schalen zur Rechten und zur Linken hingeworfen?" - "Ich habe das alles getan, was du sagst," antwortete der Kaufmann, "ich kann es nicht leugnen." - "Wenn das ist," fuhr der Geist fort, "so sage ich dir noch einmal, dass du meinen Sohn getötet hast; und merke, auf welche Weise: Indem du die Schalen wegwarfst, ging mein Sohn gerade vorbei, und ihn traf eine ins Auge, dass er davon gestorben ist." - "Ach, lieber Herr, Gnade!" rief der Kaufmann aus. - "Keine Gnade, kein Erbarmen!" antwortete der Geist. "Ist es nicht gerecht, den zu töten, der getötet hat?" - "Ich gebe zu," sagte der Kaufmann; "aber ich habe sicherlich nicht euren Sohn getötet; wäre es aber, so habe ich es ganz unschuldig getan: Drum also flehe ich euch an, mir zu verzeihen und mir das Leben zu lassen." - "Nein, nein," rief der Geist, auf seinem Entschlusse beharrend, "ich muss dich eben so töten, wie du meinen Sohn getötet hast."

Mit diesen Worten ergriff er den Kaufmann beim Arme, warf ihn mit dem Gesichte gegen die Erde, und schwang den Säbel, ihm den Kopf abzuhauen.

Der Kaufmann zerfloss unterdessen in Tränen, beteuerte seine Unschuld, bejammerte seine Frau und seine Kinder, und sagte die rührendsten Sachen von der Welt. Der Geist, stets mit geschwungenem Schwerte, hatte die Geduld zu warten, bis der Unglückliche seine Wehklage geendigt hatte, aber er ward keineswegs dadurch erweicht. "Alle diese Klagen sind überflüssig," rief er aus; "und wenn du auch blutige Tränen weintest, so würden sie mich doch nicht abhalten, dich zu töten, wie du meinen Sohn getötet hast." - "Wie!" entgegnete der Kaufmann, "kann nichts Euch rühren? Wollt ihr durchaus einem armen Unschuldigen das Leben nehmen?" Und zugleich begann der Kaufmann folgende Verse herzusagen:

"Das menschliche Leben besteht aus zwei Tagen, von welchen der eine Sicherheit bietet, der andere aber Vorsicht erheischt; und die Dauer desselben hat zwei Hälften, von welchen die eine hell, die andere trübe ist.

Siehst du nicht den Wind, wenn seine Stürme toben? Er greift am stärksten nur die höchsten Bäume an.

Wie viel gibt es nicht auf Erden schöner und schlechter Bäume? Aber nur die werden von den Leuten mit Steinen geworfen, auf denen Früchte prangen.

Am Himmel stehen Sterne sonder Zahl: Aber nur die größten unter ihnen, die Sonne und der Mond, sind den Finsternissen ausgesetzt.

Dein Gemüt ist fröhlich, wenn die Tage heiter sind, und du fürchtest nicht die Zukunft, mit welcher das Geschick dir entgegen eilt.

Das Glück hat dich unbesorgt gemacht und hat dich irre geleitet: aber während der Nacht entsteht oft plötzlich das stärkste Ungewitter."

Nachdem der Kaufmann nochmals seine Bitten und Klagen wiederholt hatte, so beharrte der Geist nichts desto weniger auf dem Vorsatze ihn zu töten."

Scheherasade bemerkte bei dieser Stelle, dass es schon Tag war, und da sie wusste, dass der Sultan sehr früh aufstand, um sein Gebet zu verrichten und seine Ratsversammlung zu halten, so hörte sie auf zu reden.

"Guter Gott! Meine Schwester," sprach darauf Dinarsade, "wie wundervoll ist deine Erzählung!" - "Das Folgende ist noch viel überraschender," antwortete Scheherasade, "und du würdest mir gewiss darin beistimmen, wenn der Sultan mich heute noch leben lassen und mir erlauben wollte, es dir in der nächsten Nacht zu erzählen."

Schachriar, welcher Scheherasade mit Vergnügen zugehört hatte, sagte bei sich selber: "Ich will bis morgen warten; ich kann sie ja immer noch töten lassen, wenn ich das Ende ihrer Erzählung gehört habe." Nachdem er also den Entschluss gefasst hatte, Scheherasade diesen Tag noch das Leben zu lassen, stand er auf, sein Gebet zu verrichten und in den Rat zu gehen.

Während dieser Zeit war der Großwesir in einer tödlichen Unruhe. Anstatt der Süßigkeit des Schlafes zu genießen, hatte er die Nacht unter Seufzen und Wehklagen über das Schicksal seiner Tochter hingebracht, deren Henker er sein sollte. Aber so sehr er in dieser bangen Erwartung den Sultan fürchtete, so angenehm wurde er überrascht, als dieser Fürst in die Ratsversammlung trat, ohne ihm den unseligen Befehl zu geben, welchen er erwartete.

Der Sultan beschäftigte sich, seiner Gewohnheit nach, den Tag über mit den Angelegenheiten seines Reiches; und als die Nacht kam, lag er abermals bei Scheherasade.

Am folgenden Morgen, ehe der Tag erschien, ermangelte Dinarsade nicht, ihre Schwester anzureden, und zu ihr zu sagen: "Meine liebe Schwester, wenn du nicht schläfst, so bitte ich dich, bis es Tag wird, die gestrige Geschichte fortzusetzen."

Der Sultan wartete nicht, bis Scheherasade ihn um die Erlaubnis dazu bat, sondern sagte sogleich: "Vollende die Erzählung von dem Geist und dem Kaufmanne; ich bin neugierig, das Ende davon zu hören." Scheherasade nahm hierauf das Wort, und fuhr in ihrer Erzählung folgendermaßen fort:

Ü   Þ


1) Der Glaube an die Einheit Gottes, die Abwaschung, das Gebet, das Almosen und die Wallfahrt nach Mekka: Dies sind die fünf durch die Religion Mohammeds vorgeschriebenen Hauptpflichten.
Es gibt drei Arten von Abwaschungen:

  1. Ghasl, heißt, die zur Reinigung von jeglicher Befleckung dienende, mag diese von den natürlichen Absonderungen oder von einer äußeren Ursache herrühren. Sie beschränkt sich auf die Abwaschung des befleckten Teils.

  2. Wudhû (Abdest bei den Persern), muss alle Morgen und alle Abend, am Tage und in der Nacht, geschehen. Man muss sich dabei die Hände, das Gesicht, die Arme bis zum Ellenbogen, und den vierten Teil des Kopfes waschen.

  3. Ghûssl, besteht in der Abwaschung des ganzen Leibes. Sie ist in mehreren Fällen vorgeschrieben, und besonders den Weibern, nach ihrer Niederkunft und monatlichen Reinigung. In Ermangelung des Wassers darf Staub (feiner Sand) es ersetzen.

Ein Muselmann muss täglich fünfmal sein Gebet verrichten: 1. eine Stunde vor Sonnenaufgang, 2. Mittags, 3. drei Stunden nach Mittag, 4. bei Sonnenuntergang, 5. anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang.
Bevor das Gebet anfängt, muss man sich durch die eben erwähnten Abwaschungen gereinigt haben. Sodann muss man sich gegen Mekka wenden, und mehrere Stellungen annehmen, welche zu weitläufig wäre, hier zu beschreiben. Nach der Hersagung des Gebets, welches aus dem ersten Kapitel des Korans und einigen anderen kurzen Sprüchen besteht, macht der andächtige Mohammedaner jedem der beiden Schutzengel, die er stets an seiner Seite glaubt, eine tiefe Verneigung.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de