Goethe

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Neueröffnetes moralisch-politisches Puppenspiel

Et prodesse volunt et delectare poëtae.

Prolog

Auf, Adler, dich zur Sonne schwing,
Dem Publiko dies Blättchen bring’!
So Lust und Klang gibt frisches Blut,
Vielleicht ist ihm nicht wohl zumut’.
Ach, schau’ sie, guck’ sie, komm herbei
Der Papst und Kaiser und Klerisei,
Haben lange Mäntel und lange Schwänz’,
Paradieren mit Eichel- und Lorbeerkränz’,
Trottieren und stäuben zu hellen Scharen,
Machen ein Gezwatzer als wie die Staren,
Dringt einer sich dem andern vor,
Deutet einer dem andern ein Eselsohr.
Da steht das liebe Publikum
Und sieht erstaunend auf und um,
Was all der tollen Reiterei
Für Anfang, Will’ und Ende sei.
Oho, sa sa, zum Teufel zu!
O weh! Lass ab, lass mich in Ruh!
Herum, herauf, hinan, hinein –
Das muss ein Schwarm Autoren sein!
Ach Herr, man krümmt und krammt sich so,
Zappelt wie eine Laus, hüpft wie ein Floh
Und fliegt einmal und kriecht einmal,
Und endlich lässt man euch in Saal.
Sei’s Kammerherr nun, sei’s Lakai,
Genug, dass einer drinne sei.
Nun weiter auf, nun weiter an!
Wie’s tummelt auf der Ehrenbahn!
Ach sieh! Wie schöne pflanzt sich ein
Das Völklein dort im Schattenhain!
Ist wohl zurecht und wohl zumut’,
Zäunt jeder sich sein kleines Gut,
Beschneidt die Nägel in Ruh’ und Fried’
Und singt sein Klimpimpimper-Lied.
Da kommt ein Flegel ihm auf den Leib,
Frisst seine Äpfel, beschläft sein Weib:
Sich drauf die Bürgerschaft rottiert,
Gebrüllt, gewetzt und Krieg geführt;
Und Höll’ und Erd’ bewegt sich schon.
Da kommt mir ein Titanensohn
Und packt den ganzen Hügel auf
Mit Städt’ und Wäldern einem Hauf,
Mit Schlachtfeldslärm und liebem Sang
(Es wankt die Erd’, dem Volk ist’s bang),
Und trägt sie eben in einem Lauf
Zum Schemel den Olymp hinauf.
Des wird Herr Jupiter ergrimmt,
Sein’n ersten besten Strahl er nimmt
Und schmeißt den Kerl die Kreuz und Quer
Hurlurli burli ins Tal daher
Und freut sich seines Siegs so lang,
Bis Juno ihm macht wieder bang.
So ist die Eitelkeit der Welt!
Ist keines Reich so festgestellt,
Ist keine Erdenmacht so groß,
Fühlt alles doch sein Endelos.
Drum treib’s ein jeder, wie er kann:
Ein kleiner Mann ist auch ein Mann;
Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,
So hat’s ein jeder wohl gemacht.

Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern

Ein Schönbartspiel

Marktschreier.
Werd’s rühmen und preisen weit und breit,
Dass Plundersweilern dieser Zeit
Ein so hoch gelahrter Doktor ziert,
Der seine Kollegen nicht schikaniert.
Habt Dank für den Erlaubnisschein!
Hoffe, Ihr werdet zugegen sein,
Wenn wir heut Abend auf allen vieren
Das liebe Publikum amüsieren.
Ich hoff’, es soll Euch wohl behagen;
Geht’s nicht vom Herzen, so geht’s vom Magen.

Doktor.
Herr Bruder, Gott geb’ Euch seinen Segen
Unzählbar, in Schnupftuchs-Hagelregen.
Den Profit kann ich Euch wohl gönnen;
Weiß, was im Grunde wir alle können.
Lässt sich die Krankheit nicht kurieren,
Muss man sie eben mit Hoffnung schmieren.
Die Kranken sind wie Schwamm und Zunder;
Ein neuer Arzt tut immer Wunder.
Was gebt Ihr für eine Komödia?

Marktschreier.
Herr, es ist eine Tragödia,
Voll süßer Worten und Sittensprüchen;
Hüten uns auch vor Zoten und Flüchen,
Seitdem in jeder großen Stadt
Man überreine Sitten hat.

Doktor.
Da wird man sich wohl ennuyieren!

Marktschreier.
Könnt’ ich nur meinen Hanswurst kurieren:
Der macht Euch sicher große Freud’,
Weil Ihr davon ein Kenner seid.
Doch ist’s gar schwer, es recht zu machen;
Die Leute schämen sich, zu lachen.
Mit Tugendsprüchen und großen Worten
Gefällt man wohl an allen Orten;
Denn da denkt jeder für sich allein:
„So ein Mann magst du auch wohl sein!“
Doch wenn wir droben sprächen und täten,
Wie sie gewöhnlich tun und reden,
Da rief’ ein jeder im Augenblick:
„Ei pfui, ein indezentes Stück!“
Allein, wir suchen zu gefallen;
Drum lügen wir und schmeicheln allen.

Doktor.
Sauer ist’s, so sein Brot erwerben!

Marktschreier.
Man sagt, es könne den Charakter verderben,
Wenn man Verstellung als Handwerk treibt,
In fremde Seelen spricht und schreibt,
Und wenn man das sehr oft getan,
Nehme man auch fremde Gemütsart an.
Doch ach! Wir scheinen oft zu scherzen,
Und haben viel Kummer unterm Herzen;
Verschenken tausend Stück Pistolen
Und haben nicht, die Schuh’ zu befohlen.
Unsre Helden sind gewöhnlich schüchtern,
Auch spielen wir unsre Trunkene nüchtern.
So macht man Schelm und Bösewicht
Und hat davon keine Ader nicht.

Doktor.
Der Rollen muss man sich nicht schämen.

Marktschreier.
Warum will man’s uns übel nehmen?
Tritt im gemeinen Lebenslauf
Ein jeder doch behutsam auf,
Weiß sich in Zeit und Ort zu schicken,
Bald sich zu heben und bald zu drücken
Und so sich manches zu erwerben,
Indes wir andre fast Hunger sterben.

Doktor.
So habt Ihr also gute Leute?

Marktschreier.
Ihre Talente, die seht Ihr heute;
Auch sind sie wegen guter Sitten
An hohen Höfen wohl gelitten.

Doktor.
Es setzt doch wohl mitunter Zank?

Marktschreier.
Das geht noch ziemlich, Gott sei Dank!
Sie können sich nicht immer leiden;
Stark sind sie im Gesichterschneiden.
Ich lass’ sie gelassen sich entzweien,
Jeden Tag gibt’s neue Parteien.
Man muss nicht die Geduld verlieren,
Doch sind sie bös zu transportieren.
Will jetzt zu meinem Geschäfte gehen.

Doktor.
Nun, alter Freund, auf Wiedersehn!

Bedienter.
Ein Kompliment vom gnäd’gen Fräulein:
Sie hofft, Sie werden so gütig sein
Und mit zu der Frau Amtmann gehen,
Um all das Gaukelspiel zu sehen.

(Der zweite Vorhang geht auf, man sieht den ganzen Jahrmarkt. Im Grunde steht das Brettergerüste des Marktschreiers, links eine Laube vor der Tür des Amtmanns, darin ein Tisch und Stühle. Während der Symphonie geht alles, doch in solcher Ordnung durcheinander, dass sich die Personen gegen der Vorderseite begegnen und dann sich in den Grund verlieren, um den andern Platz zu machen.)

Tiroler.
Kauft allerhand, kauft allerhand,
Kauft lang und kurze War’!
Sechs Kreuzer ’s Stück, ist gar kein Geld,
Wie’s einem in die Hände fällt.
Kauft allerhand, kauft allerhand,
Kauft lang und kurze War’!

(Der Bauer streift mit den Besen an den Tiroler und wirft ihm seine Sachen herunter. Streit zwischen beiden, währenddessen Marmotte von den zerstreuten Sachen einsteckt.)

Bauer.
Besen kauft, Besen kauft!
Groß und klein,
Schroff und rein,
Braun und weiß,
All aus frischem Birkenreis:
Kehrt die Gasse, Stub’ und St-
Besenreis, Besenreis!

(Der Gang des Jahrmarkts geht fort.)

Nürnberger.
Liebe Kindlein,
Kauft ein!
Hier ein Hündlein,
Hier ein Schwein;
Trummel und Schlägel,
Ein Reitpferd, ein Wägel,
Kugeln und Kegel,
Kistchen und Pfeifer,
Kutschen und Läufer,
Husar und Schweizer;
Nur ein paar Kreuzer,
Ist alles dein!
Kindlein, kauft ein!

Fräulein.
Die Leute schreien wie besessen.

Doktor.
Es gilt ums Abendessen.

Tirolerin.
Kann ich mit meiner Ware dienen?

Fräulein.
Was führt Sie denn?

Tirolerin.
Gemalt neumodisch Band,
Die leichtsten Palatinen
Sind bei der Hand;
Sehn Sie die allerliebsten Häubchen an,
Die Fächer! Was man sehen kann!
Niedlich, scharmant!

(Der Doktor tut artig mit der Tirolerin während des Beschauens der Waren, wird zuletzt dringender.)

Tirolerin.
Nicht immer gleich
Ist ein galantes Mädchen,
Ihr Herrn, für euch;
Nimmt sich der gute Freund zu viel heraus,
Gleich ist die Schneck’ in ihrem Haus,
Und er macht so! –

(Sie wischt dem Doktor das Maul.)

Wagenschmiermann.
Her! Her!
Butterweiche Wagenschmer,
Dass die Achsen nicht knirren,
Und die Räder nicht girren,
Yah! Yah!
Ich und mein Esel sind auch da.

Gouvernante kommt mit dem Pfarrer durchs Gedränge; er hält sich bei dem Pfefferkuchenmädchen auf; die Gouvernante ist unzufrieden.

Gouvernante.
Dort steht der Doktor und mein Fräulein;
Herr Pfarrer, lassen Sie uns eilen.

Pfefferkuchenmädchen.
Ha ha ha!
Nehmt von den Pfefferkuchen da!
Sind gewürzt, süß und gut;
Frisches Blut,
Guten Mut;
Pfeffernüss’! Ha, ha, ha!

Gouvernante.
Geschwind, Herr Pfarrer, dann! –
Sticht Sei das Mädchen an?

Pfarrer.
Wie Sie befehlen.

Zigeunerhauptmann und sein Bursch.

Zigeunerhauptmann.
Lumpen und Quark
Der ganze Mark!

Zigeunerbursch.
Die Pistolen
Möchte’ ich mir holen!

Zigeunerhauptmann.
Sind nicht den Teufel wert!
Weitmäulichte Laffen
Feilschen und gaffen,
Gaffen und kaufen,
Bestienhaufen!
Kinder und Fratzen,
Affen und Katzen!
Möcht’ all das Zeug nicht,
Wenn ich’s geschenkt kriegt’!
Dürft’ ich nur über sie!

Zigeunerbursch.
Wetter! Wir wollten sie!

Zigeunerhauptmann.
Wollten sie zausen!

Zigeunerbursch.
Wollten sie laufen!

Zigeunerhauptmann.
Mit zwanzig Mann
Mein wär’ der Kram!

Zigeunerbursch.
Wär’ wohl der Mühe wert.

Fräulein.
Frau Amtmann, Sie werden verzeihen –

Amtmännin (kommt aus der Haustür).
Wir freuen
Uns von Herzen. Willkommner Besuch!

Doktor.
Ist heut doch des Lärmens genug.

Bänkelsänger kommt mit seiner Frau und steckt sein Bild auf; die Leute versammeln sich.

Bänkelsänger.
Ihr lieben Christen allgemein,
Wenn wollt ihr euch verbessern?
Ihr könnt nicht anders ruhig sein
Und euer Glück vergrößern.
Das Laster weh dem Menschen tut;
Die Tugend ist das höchste Gut
Und liegt euch vor den Füßen.

(Die folgenden Verse ad libitum.)

Amtmann.
Der Mensch meint’s doch gut.

Marmotte.
Ich komme schon durch manche Land
Avecque la marmotte,
Und immer ich was zu essen fand
Avecque la marmotte,
Avecque si, avecque la,
Avecque la marmotte.

   Ich hab’ gesehn gar manchen Herrn
Avecque la marmotte,
Der hätt’ die Jungfern gar zu gern
Avecque la marmotte,
Avecque si, avecque la,
Avecque la marmotte.

   Hab’ auch gesehn manch Jungfer schön
Avecque la marmotte,
Die täte nach mir Kleinen sehn
Avecque la marmotte,
Avecque si, avecque la,
Avecque la marmotte.

   Nun lasst mich nicht so gehen, ihr Herrn,
Avecque la marmotte,
Die Burschen essen und trinken gern
Avecque la marmotte,
Avecque si, avecque la,
Avecque la marmotte.

(Die Gesellschaft wirft den Knaben kleines Geld hin; Marmotte rafft alles auf.)

Zitherspielbub.
Ai! Ai! Meinen Kreuzer!
Er hat mir meinen Kreuzer genommen!

Marmotte.
Ist nicht wahr, ist mein.

(Balgen sich. Marmotte siegt. Zitherspielbub weint.)

Symphonie.

Lichtputzer (in Handwursttracht, auf dem Theater).
Wollen’s gnädigst erlauben,
Dass wir nicht anfangen?

Zigeunerhauptmann.
Wie die Schöpse laufen,
Vom Narren Gift zu kaufen!

Schweinmetzger.
Führt mir die Schweine nach Haus!

Ochsenhändler.
Die Ochsen langsam zum Ort hinaus!
Wir kommen nach.
Herr Bruder, Der Wirt uns borgt,
Wir trinken eins. Die Herde ist versorgt.

Hanswurst.
Ihr mehnt, i bin Hanswurst, nit wahr?
Hab’ sei Krage, sei Hose, sei Knopf;
Hätt’ i au sei Kopf,
Wär’ i Hanswurst ganz und gar.
Is doch in der Art.
Seht nur de Bart!
Allons, wer kauf mir
Pflaster, Laxier!
Hab’ so viel Durst
Als wie Hanswurst.
Schnupftuch ’rauf!

Marktschreier.
Wirst nit viel angeln, ist noch zu früh.
Meine Damen und Herrn
Sähen wohl gern
’s treffliche Trauerstück;
Und diesen Augenblick
Wird sich der Vorhang heben;
Beleiben nur Acht zu geben.
ist die Historia
Von Esther in Drama;
Ist nach der neusten Art,
Zähnklappen und Grausen gepaart;
Dass nur sehr schad’ ist,
Dass Heller Tag ist;
Sollte stichdunkel sein,
Denn ’s sind viel Lichter drein.

(Der Vorhang hebt sich. Man sieht an der Seite einen Thron und einen Galgen in der Ferne.)

Symphonie.

Kaiser Ahasverus. Haman.

Haman (allein).
Die du mit ew’ger Glut mich Tag und Nacht begleitest,
Mir die Gedanken füllst und meine Schritte leitest,
O Rache, wende nicht im letzten Augenblick
Die Hand von deinem Knecht! Es wägt sich mein Geschick.
Was soll der hohe Glanz, der meinen Kopf umschwebet?
Was soll der günst’ge Hauch, der längst mein Glück belebet,
Da mir ein ganzes Reich gebückt zu Füßen liegt,
Wenn sich ein einziger nicht in dem Staube schmiegt?
Was hilft’s, auf so viel Herrn und Fürsten wegzugehen,
Wenn es ein Jude wagt, mir ins Gesicht zu sehen?
Tut er auf Abram groß, auf unbeflecktes Blut,
So lieg’ das ganze Volk, und Mardochai vor allen!
O kochte nur, wie hier, erst Ahasverus’ Blut!
Da er ein König ist, ach, ist er viel zu gut.

Ahasverus (tritt auf und spricht).
Sieh Haman – bist du da?

Haman.
Ich warte hier schon lange.

Ahasverus.
Du schläfst auch nie recht aus; es ist mir um dich bange. (Setzt sich.)

Haman.
Erhabenster Monarch, da deine Majestät
Wie immer, seh’ ich wohl, auf Ros’ und Flaumen geht,
Welch einen Dank soll man den hohen Göttern sagen
Für dein so selten Glück, die Krone leicht zu tragen!
Dein Volk, wie Sand am Meer, macht dir so wenig Müh’!
Das ist nur Götterkraft; von ihnen hast du sie.
So lässt sich ein Gebirg’ in fester Ruh’ nicht stören,
Wenn Wälder ohne Zahl auf seinem Haupt sich mehren.

Ahasverus.
O ja, was das betrifft, die Götter machen’s recht;
So lebt und so regiert von jeher mein Geschlecht.
Mit Müh’ hat keiner sich das weite Reich erworben,
Und keiner jemals ist aus Sorglichkeit gestorben.

Haman.
Wie bin ich, Gnädigster, voll Unmut und Verdruss,
Dass ich heut deine Ruh’ gezwungen stören muss!

Ahasverus.
Was Ihr zu sagen habt, bitt’ ich Euch kurz zu sagen.

Haman.
Wo nehm’ ich Worte her, das Schrecknis vorzutragen?

Ahasverus.
Wieso?

Haman.
Du kennst das Volk, das man die Juden nennt,
Das außer seinem Gott nie einen Herrn erkennt.
Du gabst ihm Raum und Ruh’, sich weit und breit zu mehren
Und sich nach seiner Art in deinem Land zu nähren;
Du wurdest selbst ihr Gott, als ihrer sie verstieß
Und Stadt- und Tempelspracht in Flammen schwinden ließ:
Und doch verkennen sie in dir den güt’gen Retter,
Verachten dein Gesetz und spotten deiner Götter;
Dass selbst dein Untertan ihr Glück mit Neide sieht
Und zweifelt, ob er auch vor rechten Göttern kniet.
Lass sie durch ein Gesetz von ihrer Pflicht belehren
Und, wenn sie störrig sind, durch Flamm’ und Schwert bekehren.

Ahasverus.
Mein Freund, ich lobe dich: Du sprichst nach deiner Pflicht;
Doch wie’s ihr andern seht, so sieht’s der König nicht.
Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen,
Wenn sie nur ruhig sind und mir die Steuern bringen.

Haman.
Ich seh’, Großmächtigster, dir nur gehört das Reich,
Du bist an Gnad’ und Huld den hohen Göttern gleich!
Doch ist das nicht allein: Sie haben einen Glauben,
Der sie berechtiget, die Fremden zu berauben,
Und der Verwegenheit stehn deine Völker bloß.
O König, säume nicht; denn die Gefahr ist groß.

Ahasverus.
Wie wäre denn das jetzt so gar auf einmal kommen?
Von Mord und Straßenraub hab’ ich lang nichts vernommen.

Haman.
Auch ist’s das eben nicht, wovon die Rede war:
Der Jude liebt das Gold und fürchtet die Gefahr.
Er weiß mit leichter Müh’ und, ohne viel zu wagen,
Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen.

Ahasverus.
Ich weiß das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind;
Doch das tun andre mehr, die unbeschnitten sind.

Haman.
Das alles ließe sich vielleicht auch noch verschmerzen:
Doch finden sie durch Geld den Schlüssel aller Herzen,
Und kein Geheimnis ist vor ihnen wohl verwahrt.
Mit jedem handeln sie nach einer eignen Art.
Sie wissen jedermann durch Borg und Tausch zu fassen;
Der kommt nie los, der sich nur einmal eingelassen.
Mit unsern Weibern auch ist es ein übel Spiel;
Sie haben nie kein Geld und brauchen immer viel.

Ahasverus.
Ha ha! Das geht zu weit! Ha ha! Du machst mich lachen;
Ein Jude wird dich doch nicht eifersüchtig machen?

Haman.
Das nicht, Durchlauchtigster! Doch ist’s ein alter Brauch;
Wer’s mit den Weibern hält, der hat die Männer auch;
Und von dem niedern Volk, das in der Irre wandelt,
Wird Recht und Eigentum, Amt, Rang und Glück verhandelt.

Ahasverus.
Du irrst dich, guter Mann! Wie könnte das geschehn?
Das alles muss nach mir und meinem Willen gehen.

Haman.
Ich weiß vollkommen wohl: Dir ist zwar niemand gleich,
Doch gibt’s viel große Herrn und Fürsten in dem Reich,
Die dein so sanftes Joch nur wider Willen dulden.
Sie haben Stolz genug, doch stecken sie in Schulden;
Es ist ein jeglicher in deinem ganzen Land
Auf ein’ und andre Art mit Israel verwandt,
Und dieses schlaue Volk sieht einen Weg nur offen:
Solang die Ordnung steht, so lang hat’s nichts zu hoffen.
Es nährt drum insgeheim den fast getischten Brand,
Und eh’ wir’s uns versehn, so flammt das ganze Land.

Ahasverus.
Das ist das erste Mal nicht, dass uns dies begegnet;
Doch unsre Waffen sind am Ende stets gesegnet:
Wir schicken unser Heer und feiern jeden Sieg
Und sitzen ruhig hier, als wär’ da drauß’ kein Krieg.

Haman.
Ein Aufruhr, angeflammt in wenig Augenblicken,
Ist eben auch so bald durch Klugheit zu ersticken;
Allein durch rat und Geld nährt sich Rebellion:
Vereint bestürmen sie, es wankt zuletzt der Thron.

Ahasverus.
Der kann ganz sicher stehn, solang als ich drauf sitze!
Man weiß, wie da herab ich gar erschrecklich blitze;
Die Stufen sind von Gold, die Säulen Marmorstein,
In hundert Jahren fällt solch Wunderwerk nicht ein.

Haman.
Ach, warum drängst du mich, dir alles zu erzählen?

Ahasverus.
So sag’ es gradheraus, statt mich ringsum zu quälen;
So ein Gespräch ist mir ein schlechter Zeitvertreib.

Haman.
Ach, Herr, sie wagen sich vielleicht an deinen Leib.

Ahasverus (zusammenfahrend).
Wie? Was?

Haman.
Es ist gesagt.
So fließet denn, ihr Klagen!
Wer ist wohl Manns genug, um hier nicht zu verzagen?
Tief in der Hölle ward die schwarze Tat erdacht,
Und noch verbirgt ein Teil der Schuldigen die Nacht.
Vergebens, dass dich Thron und Kron’ und Szepter schützen:
Du sollst nicht Babylon, nicht mehr dein Reich besitzen!
In fürchterlicher Nacht trennt die Verräterei
Mit Vatermörderhand dein Lebensband entzwei;
Dein Blut, dafür das Blut von Tausenden geflossen,
Wird über Bett und Pfühl erbärmlich hingegossen.
Weh heulet im Palast, Weh heult durch Reich und Stadt,
Und weh, wer deinem Dienst sich aufgeopfert hat!
Dein hoher Leichnam wird wie schlechtes Aas geachtet,
Und deine Treuen sind in Reihen hingeschlachtet!
Zuletzt, von Morden satt, tilgt die Verräterhand
Ihr eigen schändlich Werk durch allgemeinen Brand.

Ahasverus.
O weh! Was will mir das? Mir wird ganz grün und blau!
Ich glaub’, ich sterbe gleich. – Geh, sag’ es meiner Frau!
Die Zähne schlagen mir, die Knie mir zusammen,
Mir läuft ein kalter Schweiß! Schon seh’ ich Blut und Flammen.

Haman.
Ermanne dich!

Ahasverus.
Ach! Ach!

Haman.
Es ist wohl hohe Zeit;
Doch treues Volk ist stets zu deinem Dienst bereit.
Du wirst den Redlichsten an seinem Eifer kennen.

Ahasverus.
Je nun, was zaudert ihr? So lasst sie gleich verbrennen!

Haman.
Man muss behutsam gehen; so schnell hat’s keine Not.

Ahasverus.
Derweile stechen sie mich zwanzig Male tot.

Haman.
Das wollen wir nun schon mit unsern Waffen hindern.

Ahasverus.
Und ich war so vergnügt als unter meinen Kindern!
Mir wünschen sie den Tod? Das schmerzt mich gar zu sehr!

Haman.
Und, Herr, wer einmal stirbt, der isst und trinkt nicht mehr.

Ahasverus.
Man kann den Hochverrat nicht schrecklich gnug bestrafen.

Haman.
Du solltest schon so früh bei deinen Vätern schlafen?

Ahasverus.
Ei pfui! Mir ist das Grab mehr als der Tod verhasst!
Ach! Ach! Mein würd’ger Freund! – Nun still! Ich bin gefasst.
Nun soll’s der ganzen Welt vor meinem Zorne grauen!
Geh, lass mir auf einmal zehntausend Galgen bauen.

Haman (kniend).
Unüberwindlichster! Hier lieg’ ich, bitte Gnad’!
Es wär’ ums viele Volk – und um die Waldung schad’.

Ahasverus.
Steh auf! Dich hat kein Mensch an Großmut überschritten;
Dich lehrt dein edel Herz, für Feinde selbst zu bitten.
Steh auf! Wie meinst du das?

Haman.
Gar mancher Bösewicht
Ist unter diesem Volk, doch alle sind es nicht;
Und vor unschuld’gem Blut mög’ sich dein Schwert behüten!
Bestrafen muss ein Fürst, nicht wie ein Tiger wüten.
Das Ungeheuer, das sich mit tausend Klauen regt,
Liegt kraftlos, wenn man ihm die Häupter niederschlägt.

Ahasverus.
O wohl! So hängt mir sie nur ohne viel Geschwätze!
Der Kaiser will es so, so sagen’s die Gesetze.
Wer sind sie? Sag’ mir an.

Haman.
Ach, das ist nicht bestimmt;
Doch geht man niemals fehl, wenn man die Reichsten nimmt.

Ahasverus.
Vermaledeite Brut, du sollst nicht länger leben!
Und dir sei all ihr Gut und Hab’ und Haus gegeben!

Haman.
Ein trauriges Geschenk!

Ahasverus.
Wer kommt dir erst in Sinn?

Haman.
Der erst’ Ist Mardochai, Hofjud’ der Königin.

Ahasverus.
O weh! Da wird sie mir kein Stündchen Ruhe lassen!

Haman.
Ist er nur einmal tot, so wird sie schon sich fassen.

Ahasverus.
So hängt ihn denn geschwind und lasst sie nicht zu mir!

Haman.
Wen du nicht rufen lässt, der kommt so nicht zu dir.

Ahasverus.
Wo ist ein Galgen nur? Hängt ihn, eh’s jemand spüret!

Haman.
Schon hab’ ich einen hier vorsorglich aufgeführet.

Ahasverus.
Und fragt mich jetzt nicht mehr! Ich hab’ genug getan;
Beschlossen hab’ ich es, nun geht’s mich nicht mehr an. (Ab.)


Hanswurst.
Der erste Aktus ist nun vollbracht,
Und der nun folgt – das ist der zweite.

Marktschreier.
Liebe Freunde, gute Leute,
Dass Menschenlieb’ und Freundlichkeit,
Sorge für eure Gesundheit
Und Leibeswohl zu dieser Zeit
Mich diesen weiten Weg geführt,
Das seid ihr alle perschwadiert,
Und von meiner Wissenschaft und Kunst
Werdet ihr, liebe Freude, mit Gunst
Euch selbst am besten überführen,
Und ist so wenig zu verlieren.
Zwar könnt’ ich euch Brief und Siegel weisen
Von der Kaiserin aller Reußen
Und von Friedrich, dem König in Preußen,
Und allen Europas Potentaten –
Doch wer spricht gern von seinen Taten?
Sind auch viele meiner Vorfahren,
Die leider! Nichts als Prahler waren.
Ihr könntet’s denken auch von mir,
Durm rühm’ ich nichts und zeig’ euch hier
Ein Päckel Arzenei, köstlich und gut,
Die Ware sich selber loben tut.
Wozu es alles schon gut gewesen,
Ist auf’m gedruckten Zettel zu lesen;
Und enthält das Päckel ganz
Ein Magenpulver und Purganz,
Ein Zahnpülverlein, honigsüße,
Und einen Ring gegen alle Flüsse.
Wird nur dafür ein Batzen begehrt;
Ist in der Not wohl hundert wert.

Hanswurst.
Schnupftuch ’rauf!

(Die Zuschauer kaufen beim Marktschreier.)

Milchmädchen.
Kauft meine Milch!
Kauft meine Eier!
Sie sind gut
Und sind nicht teuer,
Frisch, wie’s einer nur begehrt!

Zigeunerhauptmann.
Das Milchmädchen da ist ein hübsches Ding;
Ich kauft’ ihr wohl so einen zinnernen Ring.

Zigeunerbursch.
O ja, mir wär’ sie eben recht.

Zigeunerhauptmann.
Zuerst der Herr und dann der Knecht.

Beide.
Wie verkauft Sie Ihre Eier?

Milchmädchen.
Drei, ihr Herrn, für einen Dreier.

Beide.
Straf’ mich Gott, das sind sie wert.

(Sie macht sich von ihnen los.)

Milchmädchen.
Kauft meine Milch!
Kauft meine Eier!

Beide (Sie halten sie).
Nicht so wild!
O, nicht so teuer!

Milchmädchen.
Was sollen mir
Die tollen Freier?
Kauft meine Milch,
Kauft meine Eier!
Dann seid ihr mir lieb und wert.

Doktor.
Wie gefällt Ihnen das Drama?

Amtmann.
Nicht! Sind doch immer Skandala.
Hab’ auch gleich ihnen sagen lassen,
sie sollten das Ding geziemlicher fassen.

Doktor.
Was sagte denn der Entrepreneur?

Amtmann.
Es käme dergleichen Zeug nicht mehr,
Und zuletzt Haman gehängt erscheine
Zu Warnung und Schrecken der ganzen Gemeine.

Hanswurst.
Schnupftuch ’rauf!

Marktschreier.
Die Herren gehen noch nicht von hinnen,
Wir wollen den zweiten Akt beginnen.
Indessen können sie sich besinnen,
Ob sie von meiner Ware was brauchen.

Hanswurst.
Gebt acht! Kommen euch Tränen in die Augen.

Musik.

Esther und Mardochai treten auf.

Mardochai (weinend und schluchzend).
O gräuliches Geschick! O schreckensvoller Schluss!
O Untat, die dir heut mein Mund verkünden muss!
Erbärmlich, Königin, muss ich vor dir erscheinen.

Esther.
So sag’ mir, was du willst, und hör’ nur auf, zu weinen!

Mardochai.
Hü hü! Es hält’s mein Herz, hü hü! Es hält’s nicht aus.

Esther.
Geh, weine dich erst satt, sonst bringst du nichts heraus.

Mardochai.
Hü hü! Es wird mir noch, hü hü! Das Herz zersprengen.

Esther.
Was gibt’s denn?

Mardochai.
U hu hu, ich soll heut Abend hängen!

Mardochai.
Das ist sehr einerlei, genug, es ist gewiss.
Darf denn der Glückliche dem schönsten Tage trauen?
Darf einer denn auf Fels sein Haus geruhig bauen?
Mich machte deine Gunst so sicher, Königin!
Wie zittr’ ich, da ich nun von den Verworfnen bin!

Esther.
Sag’, wem gelüstet’s denn, mein Freund, nach deinem Leben?

Mardochai.
Der stolze Haman hat’s dem König angegeben.
Wenn du dich nicht erbarmst, nicht teilst, mir beizustehn,
Nicht schnell zum König gehst, so ist’s um mich geschehn.

Esther.
Die Bitte, armer Mann, kann ich dir nicht gewähren;
Man kommt zum König nicht, er müsst’ es erst begehren.
Tritt einer unverlangt dem König vors Gesicht,
Du weißt, der Tod steht drauf! Gewiss, dein Ernst ist’s nicht.

Mardochai.
O Unvergleichliche, du hast gar nichts zu wagen:
Wer deine Schönheit sieht, der kann dir nichts versagen,
Und in Gesetzen sind die Strafen nur gehäuft,
Weil man sonst gar zu grob den König überläuft.

Esther.
Und sollt’ ich auch, mein Freund, das Leben nicht verlieren,
Mich warnt der Vasthi Sturz; ich mag es nicht probieren.

Mardochai.
So ist dir denn der Tod des Freundes einerlei?

Esther.
Allein, was hälf’ es dir? Wir stürben alle zwei.

Mardochai.
Erhalt mein graues Haupt, Geld, Kinder, Weib und Ehre!

Esther.
Von Herzen gern, wenn’s nur nicht so gefährlich wäre.

Mardochai.
Ich seh’, dein hartes Herz ruf’ ich vergebens an.
Gedenk’, Undankbare, was ich für dich getan!
Erzogen hab’ ich dich von deinen ersten Tagen,
Ich habe dich gelehrt, bei Hof dich zu betragen.
Du hättest lange schon des Königs Gunst verscherzt,
Er hätte lange schon sich satt an dir geherzt;
Du bist oft gar zu grad’ und wärest längst verkleinert,
Hätt’ ich nicht deine Lieb’ und dein Pflicht verfeinert.
Dir kam allein durch mich der König unters Joch,
Und durch mich ganz allein besitzest du ihn noch.

Esther.
Von selbsten hab’ ich wohl nicht Gunst noch Glück erworben;
Dir dank’ ich’s ganz allein, auch wenn du längst gestorben.

Mardochai.
O stürb’ ich für mein Volk und unser heilig Land!
Allein ich sterb’ umsonst durch die verruchte Hand.
Dort hängt mein graues Haupt, dem ungestümen Regen,
Dem glühnden Sonnenschein und bittern Schnee entgegen!
Dort nascht geschäftig mir, zum Winter-Zeitvertreib,
Ein garstig Rabenvolk das schöne Fett vom Leib!
Dort schlagen ausgedörrt zuletzt die edlen Glieder
Von jedem leichten Wind mit Klappern hin und wieder!
Ein Gräuel allem Volk, ein ew’ger Schandfleck mir,
Ein Fluch auf Israel, und, Königin – was dir?

Esther.
Gewiss groß Herzeleid! Doch, kann ich es erlangen,
So sollst du mir nicht lang am leid’gen Galgen hangen;
Und mit sorgfält’gem Schmerz vortrefflich balsamiert,
Begrab’ ich dein Gebein, recht wie es sich gebührt.

Mardochai.
Vergebens wirst du dann den treuen Freund beweinen!
Er wird dir in der Not nicht mehr wie sonst erscheinen,
Mit keinem Beutel Geld, den du so eifrig nahmst,
Wenn du mit Schuldverdruss von Spiel und Handel kamst;
Mit keinem neuen Kleid, noch Perlen und Juwelen:
Mein Geist erscheint dir leer, und, um dich recht zu quälen,
Bringt er nur die Gestalt von Schätzen aus der Gruft,
Und wenn du’s fassen willst, verschwindet’s in die Luft.

Esther.
Ei, weißt du was, mein Freund? Bedenke mich am Ende
Mit einem Kapital in deinem Testamente.

Mardochai.
Wie gerne tät’ ich das, von deiner Huld gerührt!
Doch leider! Ist mein Gut auch sämtlich konfisziert.
Und wann muss ich den Tod der Brüder auch besorgen!
Kein einz’ger bleibt zurück, dir künftig mehr zu borgen.
Der schöne Handle fällt, es kommt kein’ Kontreband’
Durch unsre Industrie dir künftig mehr zur Hand.
Die kleinste Zofe wird nichts mehr an dir beneiden;
Dich werden, Mägden gleich, inländ’sche Zeuge kleiden;
Und endlich wirst du so mit hoffnungsloser Pein
Die Sklavin deines Manns und seiner Leute sein!

Esther.
Das ist nicht schön von dir! Was brauchst du’s mir zu sagen?
Kommt einmal diese Zeit, dann ist es Zeit, zu klagen.
(Weinend.) Nein! Wird mir’s so ergehn?

Mardochai.
Ich schwör’ dir, anders nicht!

Esther.
Was tu’ ich?

Mardochai.
Rett’ uns noch!

Esther.
Ach, geh mir vom Gesicht!
Ich wollte –

Mardochai.
Königin, ich bitte dich, erhöre!
Was willst du?

Esther.
Ach, ich wollt’ – dass alles anders wäre! (Ab.)

Mardochai (allein).
Bei Gott! Hier soll mich nicht manch schönes Wort verdrießen!
Ich lass’ ihr keine Ruh’, sie muss sich doch entschließen. (Ab.)


Marktschreier.
Seiltänzer und Springer sollten nun kommen;
Doch haben die Tage so abgenommen.
Allein morgen früh bei guter Zeit
Sind wir mit unserer Kunst bereit.
Und wem zuletzt noch ein Päckel gefällt,
Der hat es um die Hälfte Geld.

Schattenspielmann (hinter der Szene).
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!

Doktor.
Lasst ihn herbeikommen.

Amtmann.
Bringt den Schirm heraus.

Doktor.
Tut die Lichter aus;
Sind ja in einem honetten Haus.
Nicht wahr, Herr Amtmann, man ist, was man bleibt?

Amtmann.
Man ist, wie man’s treibt.

Schattenspielmann.
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!
Lichter weg! Mein Lämpchen nur!
Nimmt sich sonst nicht aus.
Ins Dunkle da, Mesdames.

Doktor.
Von Herzen gern.

Schattenspielmann.
Orgelum, orgelei! :,:
Ach wie sie is alles dunkel!
Finsternis is,
War sie all wüst und leer,
Hab sie all nicks auf dieser Erd gesehe.
Orgelum :,:
Sprach sie Gott, ’s werd Licht!
Wie’s hell da ’reinbricht!
Wie sie all durk einander gehen,
Die Element alle vier!
In sechs Tag alles gemacht is,
Sonn’, Mond, Stern, Baum und Tier.
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!
Steh sie Adam in die Paradies,
Steh sie eva, hat sie die Schlang’ verführt.
Nausgejagt,
Mit Dorn und Disteln,
Geburtsschmerzen geplagt,
O weh!
Orgelum :,:
Hat sie die Welt vermehrt
Mit viel gottlose Leut’,
Waren so fromm vorher!
Habe gesunge, gebett!
Glaube mehr an keine Gott,
Is ’e Schand und ’e Spott!
Seh sie die Ritter und Damen,
Wie sie zusammenkamen,
Sich begeh, sich begatte,
In alle grüne Schatte,
Uf alle grüne Heide:
Kann das unser Herrgott leide?
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!
Fährt da die Sündflut ’rein,
Wie sie gottserbärmlich schrein;
All all ersaufen schwer,
Is gar keine Rettung mehr!
Orgelum :,:
Guck’ sie, in vollem Schuss
Fliegt daher Merkurius,
Macht ein End’ all dieser Not;
Dank sei dir, lieber Herregott!
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!

Doktor.
Ja, da wären wir geborgen!

Fräulein.
Empfehlen uns.

Amtmann.
Sie kommen doch wieder morgen?

Gouvernante.
Man hat an einmal satt.

Doktor.
Jeder Tag seine eigne Plage hat.

Schattenspielmann.
Orgelum, orgelei!
Dudeldumdei!


Das Neuste von Plundersweilern

   Im Deutschen Reich gar wohl bekannt
Ist der Ort, Plundersweilern genannt,
Und seines Jahrmarkts Lärm und Lust
Viel groß und kleinem Volk bewusst;
Auch sieht man, dass zu einer Stadt
Der Flecken sich erweitert hat.

   Und zwar mag es nicht etwa sein
Wie zwischen Kassel und Weißenstein,
Als wo man emsig und zuhauf
Macht Vogelbauer auf den Kauf
Und sendet, gegen fremdes Geld,
Die Vöglein in die weite Welt.

   Vielmehr sind hier, wie in Paris,
Der Leute mehr als der Logis;
Und wie ein Haus gebaut sein mag,
Gleich ist’s besetzt den andern Tag.

   Besonders eine der längsten Gassen
Hat man für Leser erbauen lassen,
Wo in den Häusern, eng und weit,
Gelesen wird zu jeder Zeit;
Auswahl und Urteil sind verbannt.
Mit neuen Büchern in der Hand
Findt man, so wie man geht und steht,
Von Türschwell’ auf bis zum Privet,
Einen jeden emsig sich erbauen
Und kaum zum Gruße seitwärts schauen.

   Wie man denn schon seit langen Zeiten
Lässt Kaffee öffentlich bereiten,
Dass für drei Pfennig jedermann
Sich seinen Magen verderben kann:
So teilt man nun den Leseschmaus
Liebhabern für sechs Pfennig aus.

   Von dieser Straße, lang und schön,
Könnt ihr hier nur das Eckhaus sehn.
Hier schauen Damen und Herrn herum
Begierig in das Publikum,
Wie einer an den andern rennt;
Und abends sind sie gar kontent.

   Vor ihrem Fenster, mit leichten Schritten,
Spaziert ein Mädchen von schlechten Sitten
Und bietet um geringen Preis
Gar vieler Menschen sauren Schweiß.
Ein jeder wird sie laut verachten,
Es mag kein Mensch sie übernachten;
Und alle kommen doch zu Haufen,
Ihr ihre Waren abzukaufen.

   Wie schlimm sieht’s drum in jenem Haus,
In der uralten Handlung aus!
Gar einzeln naht sich dann und wann
Ein etwa grundgelehrter Mann,
Nach einem Folio zu fragen;
Dagegen bücken viel Autormagen
Sich mit demütigen Gebärden
Vor dem Papierpatron zur Erden.
Auch ist das Haus, wie jeder sagt,
Von böser Nachbarschaft geplagt:
Wie man Exempel jeden Tag
In der Almende sehen mag.

   Halt auf! O weh! Welch ein Geschrei!
Was zerrt man diese Leut’ herbei?
Was hat das arme Volk begangen?
Was wird mit ihnen angefangen?

   Die aufgehängten Becken hier
Verkünden euch den Herrn Barbier,
Dem, wo er irgend Stoppeln sieht,
Das Messer untern Händen glüht;
Und er rasiert, die Wut zu stillen,
Zar gratis, aber wider Willen,
Und bei dem ungebetnen Schnitt
Geht auch wohl Haut und Nase mit.

   Welch ein Palast am End’ der Stadt
Ist’s, wo er seine Bude hat,
Auf gutes Fundament gebaut,
Der alle Gegend überschaut!
Wer ist der vornehm reiche Mann,
Der also baun und wohnen kann?

   Mit großer Lust und großem Glück
Hält ihr Serail hier Frau Kritik.
Ein jeder, er sei groß und klein,
Wird ihr gar sehr willkommen sein.
Sein Zimmer ist ihm gleich bereit,
Sein Essen auch zu rechter Zeit;
Er wird genähret und verwahrt
Nach seiner Art und seinem Bart.
Doch lässt, aus Furcht für Neidesflammen,
Sie ihre Freunde nie zusammen.
Sie hat zwar weder Leut’ noch Land,
Auch weder Kapital noch Pfand,
Sie bringt auch selber nichts hervor
Und lebt und steht doch groß im Flor:
Denn, was sie reich macht und erhält,
Das ist eine Art von Stempelgeld;
Drum sehn wir alle neue Waren
Zum großen Tor hinein gefahren.

   Am Fenster lässt sich einer blicken,
Der reißt gar alles grob zu Stücken;
Ein andrer misst das Werk mit Ellen;
Ein dritter lässt’s auf der Wage schnellen;
Ein vierter, oben auf dem Haus,
Klopft gar die alten Kleider aus.
Gar viele Fenster sind auch zu;
Das deutet nicht auf innre Ruh’.
Die meisten arbeiten wie in der Gruft
Und kommen selten an frische Luft.

   Doch scheint’s, ihr möget nicht verweilen
Und gerne diesen Zug ereilen;
Bleibt nur ein wenig hinterdrein:
Ich fürcht’ es möchte’ gefährlich sein.

   Unter dem Leichnam auf seinem Rücken
Seht ihr einen jungen Herrn sich drücken,
Ein Schießgewehr in seiner Hand:
So trug er seinen Freund durchs Land,
Erzählt den traurigen Lebenslauf
Und fordert jeden zum Mitleid auf.
Kaum hält er sich auf seinen Füßen,
Die Tränen ihm von den Wangen fließen,
Beschreibt gar rührend des Armen Not,
Verzweiflung und erbärmlichen Tod;
Wie er ihn endlich aufgerafft:
Das alles ein wenig studentenhaft.
Da fing’s entsetzlich an zu rumoren
Unter Klugen, Weisen und unter Toren;
Drum wünscht er weit davon zu sein.

   Denn seht, es kommen hinterdrein
Ein Chor schwermütiger Junggesellen,
Die sich gar ungebärdig stellen.
Mehr sag’ ich nicht: Man kennt genug
Den ganzen uniformen Zug.

   Jeder führt eine Jungfrau fein,
Die scheinen gleiches Sinns zu sein:
Denn sie tragen auf bunten Stangen
Paniere zierlich aufgehangen,
Die Zeichen ihrer Lust und Schmerz:
Einen vollen Mond, ein brennend Herz;
Wie denn nun fast eine jede Stadt
Ihren eignen Mondschein nötig hat.
Die Herzen lärmen und pochen so sehr,
Man hört sein eigen Wort nicht mehr;
Doch scheinen die Liebchen bei diesen Spielen
Noch seitwärts in die Welt zu schielen.

   Lasst sie vorbei und seht die Knaben,
Die in der Ecke ihr Kurzweil haben.
Die Laube, die sie fasst, ist klein,
Doch dünkt sie ihnen ein Dichterhain.
Sie haben aus Maien sie aufgesteckt
Und vor der Sonne sich bedeckt;
Mit Siegsgesang und Harfenschlag
Verklimpern sie den lieben Tag;
Sie kränzen freudig sich wechselweise,
Einer lebt in des andern Preise;
Daneben man Keul’ und Waffen schaut.
Sie sitzen auf der Löwenhaut;
Doch guckt, als wie ein Eselsohr,
Ein Murmelkasten drunter vor,
Daraus denn blad ein jedermann
Ihre hohe Ankunft erraten kann.

   Ihr schaut euch um, ihr seht empor,
Leiht andern Stimmen eur Ohr!
Ja, seht nur recht! Dort eine Welt,
In vielen Fächern dargestellt.
Man nennt’s ein episches Gedicht;
So was hat seinesgleichen nicht.

   Der Mann, den ihr am Bilde seht,
Scheint halb ein Barde und halb Prophet.
Seine Vorfahren müssen’s büßen,
Si liegen wie Dagon zu seinen Füßen;
Auf ihren Häuptern steht der Mann,
Dass er seinen Helden erreichen kann.

   Kaum ist das Lied nur halb gesungen,
Ist alle Welt schon Lieb durchdrungen.
Man sieht die Paare zum Erbarmen
In jeder Stellung sich umarmen.
Ein Zögling kniet ihm an dem Rücken,
Der denkt die Welt erst zu beglücken;
Zeigt des Propheten Strümpf’ und Schuh,
Beteuert, er hab’ auch Hosen dazu,
Und, was sich niemand denken kann,
Einen Steiß habe der große Mann.

   Vor diesem himmlischen Bericht
Fällt die ganze Schule aufs Angesicht,
Und rufen: „Preis dir in der Höh’,
O trefflicher Eustazie!“

   Der Adler umgestürzte Zier!
Der deutsche Bär, ein feines Tier!
Wie viele Wunder, die geschehn,
Könnt ihr hier nicht auf einmal sehn!
Er hat auch eine Heftelfabrik,
Die zeigt sich nicht auf diesem Stück.

   Ihr kennt den himmlischen Merkur,
Ein Gott ist er zwar von Natur;
Doch sind ihm Stelzen zum irdischen Leben
Als wie ein Pfahl ins Fleisch gegeben;
Darauf macht er durch des Volkes Mitte
Des Jahrs zwölf weite Götterschritte.
Auf seinen Szepter und seine Rute
Tut er sich öfters was zugute.
Vergebens ziehen und zerren die Knaben
Und möchten ihn gerne herunter haben;
Vergebens sägst du, töricht Kind!
Die Stelzen, wie er, unsterblich sind.

   Es schaut zu ihm ein großer Hauf’
Von mancherlei Bewunderern auf;
Doch diesen Pack, so schwer und groß,
Wird er wohl schwerlich jemals los.

   Wie ist mir? Wie, erscheint ein Engel
In Wolken mit dem Lilienstengel!
Er bringt einen Lorbeerkranz hernieder,
Er sieht sich um und sucht sich Brüder.

   Wer sagt mir ein vernünftig Wort?
Was treiben die eilenden Knaben dort?
Seht ihr nicht, wie geschickt sie’s machen!
Seht doch, wie steigen ihre Drachen!
Geht er nicht schnell und hoch genung?
Man nennt es einen Odenschwung.

   Die andern führ’ ich euch nicht vor;
Sie haben mit dem Blaserohr
Nach Schmetterlingen unverdrossen
Mit Lettenkugeln lang geschossen,
Und dann war stets das arme Ding
Ein lahm geschossner Schmetterling.

   Die kleinen Jungens in der Pfützen,
Lasst sie mit ihren Schussern sitzen!
Und lasst uns sehn, dort stäubt’s im Sand,
Dort zeiht ein wütig Heer zu Land.

   Zuvörderst sprengt ein Rittersmann
Auf einem zweideutigen Pferdlein an;
Ein hoher Federbusch ihn ziert,
Die Lanze er gar stolz regiert,
Von Kopf zu Fuß in Stahl vermummt,
Dass jeder Bauer und Knecht verstummt.
Als Ritter nimmt er Preis und Gruß;
Doch eigentlich geht er zu Fuß.

   Hinter ihm wird kein Guts geschafft.
Es reißet einer mit voller Kraft
Die Bäume samt den Wurzeln aus;
Die Vögel fliegen zu den Nestern heraus.
Sein Haupt trägt eine Felsenmütze,
Sein Schütteln schüttert Rittersitze.
Entsetzt euch nicht ob dieser Stärke
Und der modernen Simsonswerke:
Denn aller Riesenvorrat hier
Ist nur von Pappe und von Papier.

   Ein andrer trägt einen Kometenhut;
Ein dritter beißt in die Steine für Wut;
Sie stolpern über Särg’ und Leichen,
Dem Pathos ist nichts zu vergleichen;
Sie möchten gerne mit hellen Scharen
Aus ihren eigenen Häuten fahren;
Doch sitzen sie darin zu fest,
Drum es jeder endlich bewenden lässt.

   Im Vordergrund sind zwei feine Knaben,
Die gar ein artig Kurzweil haben.
Mit Deutschheit sich zu zieren itzt,
Hat jeder sein armes Wams zerschlitzt;
Sie ziehen Hemdchen durch die Spalten,
Das gibt gar wunderreiche Falten;
Die Puffen stehn gut zu Gesicht;
Sie schonen sogar der Höschen nicht;
Sie werden bald ihr Ziel erreichen
Und deutschen Betteljungen gleichen.

   Wenn ich nun jemand raten mag,
So hat er genug für diesen Tag
Und geht den Lärm und das Geschrei,
Was hinten sich erhebt, vorbei.

   Die Bude, die man dorten schaut,
Ist schon vor alters aufgebaut,
Worein gar mancher, wie sich’s gebührt,
Nach seiner Art sich prostituiert.
Die festen Säulen zeigen an:
Der Ort sich nicht bewegen kann;
Ein Mann, der droben im Reifrock steht,
Deutet auf hohe Gravität.
Doch Wurstel lässt sich nicht vertreiben,
Lässt seine Neckerei nicht bleiben,
Indes ein neuer Unfall droht
Und bringt den Alten fast den Tod.

   Eine Rotte, kürzlich angekommen,
Hat das Portal schon eingenommen
Und nagelt, ihr ist nicht zu wehren,
Ans Frontispiz zwei Hemisphären,
Eröffnet nun die weite Welt
Erobernd zum Theaterfeld;
Darauf denn jeder bald versteht,
Wie es von London nach China geht.
Und so hat man für wenig Geld
Gleich eine Fahrt um die ganze Welt.
Es poltert alles drüber und drunter,
Die Knaben jauchzen laut mit unter,
Und auf den Dielen, wohl verschanzt,
Die Schellenkapp’ wird aufgepflanzt.
Kein Mensch ist sicher seines Lebens;
Es wehrt der Held sich nur vergebens;
Es gehen beinah’ in dieser Stunde
Souffleur und Konfident zugrunde,
Die man als heilige Personen
Von je gewohnt war zu verschonen.
Und dieser Lärm dient auf einmal
Auch unserm Schauspiel zum Final’.

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