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Anekdote zu den Freuden des jungen Werthers

Lotte im Negligé, Werther im Hausfrack sitzend; sie verbindt ihm die Augen.

Lotte.
Nein, Werther, das verzeih’ ich Alberten mein Tage nicht. Ich hab’ ihn lieb und wert und bin ihm alles schuldig; aber mich dünkt doch, wenn einer einen klugen Streich machen will, soll er ihn nicht halb tun, soll nicht durch einen grillenhaften läppischen Einfall alles verderben, was er etwa noch gutmachen könnte. Wo ist da nur Menschenverstand, Gefühl, Delikatesse in seiner Aufführung? Der verfluchte Schuss! Es war ein Hanswursten-Einfall. Er sollte dich von deiner Verzweifelung kurieren und bringt dich fast um deine Augen. Deine lieben Augen, Werther! Du hast seit der Zeit noch nicht hell draus gesehn.

Werther.
Sie brennen mich heut wieder sehr. Es wird besser werden. Albert hat’s gut gemeint. Was kann man dafür, dass es die Leute gut meinen.

Lotte.
Ich begreif’ nicht, wie du nicht gar ein Auge drüber verloren hast. Und deine Augenbraunen sind hin. (Sie küsst ihm die Stirne.)

Werther.
Liebe Lotte!

Lotte.
So schön gezeichnet, wie sie waren, werden sie nimmer wieder. Meint er doch Wunder, was er getan hätte; wenn er zu uns kommt, sieht er immer so freundlich drein, als wenn er uns glücklich gemacht hätte.

Werther.
Hat er’s nicht? Hat er mich nicht dir gegeben? Dich mir! Bist du nicht mein, Lotte?

Lotte.
Wenn er denn Gelassenheit, Gleichgültigkeit genug hatte, das zu tun, konnt’ er’s mit weit wenigerm Aufwand. Wäre er statt seiner Pistolen selbst zu dir gegangen, hätte gesagt: „Werther, halt ein bisschen! Lotte ist dein! Du kannst nicht leben ohne sie, ich wohl! Also seh’ ich als ein rechtschaffener Mann“ – Du lächelst, Werther!

Werther.
Setze dich zu mir, Lotte, und gib mir deine Hand. Ein blinder Mann, ein armer Mann! (Er küsst ihre Hand.) Ja, es ist deine Hand, Lotte, die ich seit der ersten Berührung immer mit verbundenen Augen aus hunderten mit meinen Lippen hätte herausfinden wollen. Du bist wohl?

Lotte.
Ganz wohl. Freilich geht’s ein bisschen drunter und drüber mit uns! Aber weil’s uns immer wunderlich ging –

Werther.
Und die Leute, die unsere Sachen zurechtlegen wollten, ihr Handwerk nicht verstunden.

Lotte.
Es mag gut sein; nur sollten sie mit ihrer hochweisen Nase nicht so oben dreinsehen. Das gesteh’ ich dir gern, ich kannte Alberten immer als einen edlen, ruhigen und doch warmen Mann; aber seit (pag. 23) der ganz fatalen Szene, wo er mir mit der unleidlichsten Kälte aufkündigt, mir die niedrigsten Vorwürfe macht, die ich denn in der Beklemmung meines Herzens so musste hingehen lassen, ist er mir ganz unerträglich. Ich liebte ihn wahrlich, ich hoffte, ihn glücklich zu machen, ich wünschte dich fern von mir – und so, Werther! Ich weiß noch nicht, ob ich dich habe.

Werther.
Ich dachte, du wüsstest’s! Und behalten musst du mich nun einmal.

Lotte (scherzend).
Nun, du bist mir so gut als ein anderer.

Werther.
Aber der andere hat dich noch nicht, Weibchen!

Lotte.
Nimm mir’s nicht übel: Wenn, ich weiß nicht, welcher, Teufel ihm auf dem Ritt (pag. 23) den Kopf nicht verrückt hätte, ich wäre nicht hier.

Werther.
Und ich?

Lotte.
Wo du könntest.

Werther.
Lotte!

Lotte.
Du lebst, und ich bin zufrieden.

Werther.
Das ist doch nun Albertens Werk; hab’ ihm Dank!

Lotte.
Nicht gar! Kann einer nicht etwas für uns tun, ohne Dank zu verdienen? Hättest du die Relation gelesen, die er davon an Madame Mendelssohn schrieb, du wärst rasend geworden (pag. 23 – 36 incl.).

Werther.
Wieso? Was, meine Liebe?

Lotte.
Erst musst’ ich lachen, dass er von der ganzen Sache gar nichts begriffen, nicht die mindeste Ahndung von dem gehabt hatte, was in deinem und meinem Herzen vorging. Hernach verdross mich’s, was er sich den Bauch streicht und tut, als wenn er im März vorausgesehen hätte, dass es Sommer werden würde. Und was du für eine Figur drinne spielst mit dem Sauschuss vorm Kopf! Du meinst immer, du wärst tot (pag. 29), und sprichst immer so vernünftig (ibidem). – Was machen deine Augen, mein Bester?

Werther.
Sie sehn dich nicht.

Lotte.
Sieh doch, wie artig!

Werther.
Freilich nicht wie (pag. 42) ehemals.

Lotte.
Nein, von der Relation zu reden! Sieh, wie er die besten wärmsten Stellen deiner Briefe parodiert und sie, wie ein Zahnarzt die ausgerissene Zähne um seinen stattlichen Hals hängt, mit viel Gründlichkeit zeigt, wie unrecht man gehabt habe, mit solchen Maschinen von Jugend auf zu kauen. Ich wär’ ihm feind geworden, wenn ich das könnte. Es ist so garstig!

Werther.
Was geht das mich an!

Lotte.
Ich sagte dir immer, du solltest mit deinen Papieren vorsichtiger umgehn. Wie wenig Menschen fühlen solche Verhältnisse, und von den kalten Kerls nimmt jeder draus, nicht was ihn freut, sondern was ihn ärgert, und macht seine eigene Sauce dazu. (Videatur totum opus.)

Werther.
Du bist doch immer die leibe Lotte, findst das alles sehr dumm, und bist im Grund doch nicht bös. Küss’ mich, Weibchen, und mach’, dass wir zu Nacht essen. Ich möchte zu Bette, ob ich gleich spüre, dass mich meine Augen werden wenig ruhen lassen.

Lotte.
Die verfluchte Kur!

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